COVID-19: EIN UPDATE ZU DER SITUATION IN UNSEREN TOWNSHIPS

Ende März erfuhren wir von den ersten Corona-Infizierten in Khayelitsha. Wir waren sehr besorgt und haben darüber in einem frühen Blogartikel berichtet. Unsere Sorge sollte sich als berechtigt herausstellen. Die Pandemie trifft die Menschen in den Brennpunkten der Townships besonders hart. Mittlerweile befinden wir uns in einem dauerhaften Ausnahmezustand – nicht allein wegen des Virus, sondern vor allem wegen der Folgen: Hunger, Gewalt, Perspektivlosigkeit. Unsere Häuser, die sichere Inseln für die Community sind, gehören zu den wenigen Einrichtungen für Hilfe und Versorgung in den Townships. Heute wollen wir darüber berichten, was die Situation für die Menschen in unseren Brennpunkten und für Ubomi bedeutet.

There is no future in the hood

„Sich ernsthaft um andere zu sorgen, sowohl im privaten wie öffentlichen Leben, würde uns der Welt, nach der wir uns so sehnen, sehr viel näher bringen.“ Ein Zitat von Nelson Mandela – Freiheitskämpfer, Vater der Nation, erster demokratisch gewählter Präsident Südafrikas. Ein Mann, der trotz 27 Jahren politischer Gefangenschaft nicht aufgegeben hat, an eine bessere Welt zu glauben und der Millionen von Menschen bis heute inspiriert. Die Inspiration bleibt und per Gesetz herrschen seit Ende der Apartheit vor 26 Jahren Freiheit und Gleichheit. Doch in kaum einem anderen Land ist die soziale Ungleichheit zwischen Hautfarben und gesellschaftlichen Klassen so groß und ausgeprägt wie in Südafrika. Die Pandemie verschärft die Situation und verdeutlicht die Ungleichheit – ein Paradoxon bei einer Erkrankung, die weltweit für alle Menschen gleich ist.

Menschen sterben an der Krankheit, Menschen sterben an Hunger, Menschen sterben durch die Gewalt und die Korruption und Perspektivlosigkeit. Knapp sechshunderttausend Menschen in Südafrika haben sich mit dem Coronavirus angesteckt; knapp 13.500 sind bisher daran gestorben (27.8.2020). Aber Statistiken über übermäßige Todesfälle, die vom SA Medical Research Council erstellt wurden, zeigen, dass der ungewöhnliche Verlust an Leben tatsächlich weitaus größer ist: Insbesondere in den Townships, in denen kaum getestet wird, ist die Dunkelziffer unklar. Klar ist, dass auch schon liebe Menschen in unserer Nachbarschaft gestorben sind, da es an der nötigen Widerstandskraft und Versorgung fehlt. Nach den offiziellen Erhebungen ist Südafrika auf Platz fünf der Länder weltweit, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind. In Khayelitsha haben sich die Lebensumstände dramatisch verschlechtert. Hunger, psychische Erkrankungen und wachsende soziale und politische Instabilität nehmen linear, wenn nicht sogar exponentiell zu. Die Menschen, die uns über die vergangenen Jahre ans Herz gewachsen sind, unsere Nachbarn und unsere Kinder, leiden sehr unter den gravierenden und nachhaltigen Auswirkungen der Pandemie und des damit verbundenen lang andauernden, harten Lockdowns.

Die aktuelle Lage: Unruhen, Landnahme, Verfall der Währung

Inzwischen (seit dem 18. August) ist das Land auf Lockdown Stufe 2. Schulen öffnen wieder, zumindest für zwei Stunden am Tag. Wer sich Freizeitaktivitäten leisten kann, darf ihnen wieder nachgehen. Wer eine Arbeit hat, kann endlich wieder Geld verdienen. Ein kleines Stück Normalität kehrt zurück – zumindest bei denen, die ein „normales“ Leben führen können. Aber wie sieht die „Normalität“ im Township aus?

Südafrika hat für den Covid-19 Umbrella Fund Milliarden von zusätzlichen Schulden gemacht. Die Kosten dafür müssen alle tragen. Der Verfall der Währung, der zu höheren Preisen vor allem bei den Grundnahrungsmitteln führt, trifft die Armen am härtesten. Das ist inakzeptabel, unerhört und diametral zu den immer wiederholten Absichtserklärungen der SDG (Social Development Goals). Das haben mittlerweile auch die Armen ohne Zugang zu Bildung bemerkt – und spüren es vor allem am eigenen Leib.

Das Leben ist durch soziale Unsicherheiten, Arbeitslosigkeit und den unzureichenden Zugang zu Gesundheitseinrichtungen geprägt. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik ist in den Brennpunkten der Townships erschüttert. Die schon fragilen und teilweise kriminellen Strukturen sind der Nährboden für ein rasantes Wachstum an Korruption, die jetzt einen vorgezogenen Frühling erlebt.

Vor der Krise konnten sich viele im Township mit Tagelöhner-Jobs durchschlagen und so zumindest für eine Grundversorgung ihrer Familie aufkommen. Doch die Wirtschaft ist am Boden, die meisten haben ihre Arbeit verloren. Auch in Khayelitsha hat es deswegen in den vergangenen Wochen viele Unruhen gegeben: Weil viele befürchten, kein Geld mehr für die Miete ihrer „Shacks“ bezahlen zu können oder weil ihre Unterkünfte jetzt durch die starken Niederschläge bei winterlichen Temperaturen unter Wasser stehen, versuchen sie, an Land zu kommen. Mit Spaten und Äxten räumen sie brachliegende Flächen frei, um dort kleine Hütten zu errichten. Die illegale Landnahme wird von Polizei und Armee brutal mit Gummigeschossen und Tränengas bekämpft, gerade erst aufgebaute Hütten niedergerissen. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Viele Menschen verzweifeln und werden in ihrer ohnmächtigen Wut selbst zur Gefahr.

Gewalt ist ein Thema, dass uns in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat und manchmal ratlos zurücklässt. Insbesondere gegen Frauen und Kinder hat die Gewalt stark zugenommen. Schon vor Covid-19 war „gender based violence“ – vorwiegend Gewalt von Männern gegenüber Frauen und Kindern – ein Thema, das das Umfeld unserer Kinder stark prägt. Aufgrund der dramatischen Umstände der Covid-19-Krise haben diese Gewaltdelikte deutlich zugenommen.

Unsichere Zukunft: Was Ubomi jetzt tut

Unsere Ubomi-Häuser sollen in dieser Zeit weiterhin sichere Inseln im Chaos sein. Mit Lifeskill-Trainings und psychologischer Betreuung versuchen wir, den Kindern auch emotional und mental eine stabile Basis zu geben und sprechen mit ihnen über ihre Erfahrungen und die Themen, die ihnen derzeit vermehrt begegnen: Krankheit, Tod, Gewalt, Hunger. Wir wollen sie stark machen für diese Zeit, die jetzt kommt, wollen sie „empowern“.

Natürlich kämpfen wir auch weiter dafür, den Kreislauf von Perspektivlosigkeit und Gewalt zu durchbrechen. Auch die Lebensmittelversorgung, die wir seit Monaten vor Ort für die Familien unserer Communities organisieren und die Suppenküche in unseren Ubomi-Häusern, die zumindest eine warme Mahlzeit garantieren, helfen, das schlimmste Leid und die verzweifelte Gewalt etwas zu mildern.

Noch immer gibt es Gemeinschaft im Township, noch immer unterstützen sich die Menschen. Aber dieses Ubuntu, das die Communities so stark hat werden lassen, bröckelt: Der bedingungslose Zusammenhalt, der in Xhosa mit „Ubuntu“ seinen eigenen Begriff hat, verliert an Kraft, weil die Menschen um ihre Existenz kämpfen. Was jetzt passiert, macht die positive Entwicklung der Nachbarschaften zunichte und wirft unsere Arbeit zurück. Deswegen müssen wir unsere Ausrichtung bei Ubomi ändern. War es bisher unser Ansatz, unsere Kinder dazu zu ermutigen, im Township zu bleiben und ihren Lebensmittelpunkt mit ihren Fähigkeiten zu gestalten, müssen wir nun umdenken und den Menschen, die zu uns kommen, eine Perspektive ermöglichen, ein Leben außerhalb von Khayelitsha anzusteuern.

„Bildung ist die stärkste Waffe, die es gibt, um die Welt zu ändern.“
Nelson Mandela

Die Hoffnung, dass Townships in friedvolle Orte der Chancen und Möglichkeiten entwickelt werden können, scheint uns – vielleicht vorübergehend – nicht mehr möglich. Wir brauchen Auswege, Wege aus dem Township. Das geht nur über Bildung, Zugang zu besseren Schulen und zu Jobs, die Erinnerung an traditionelle Werte (Ubuntu) und die Entwicklung eines afrikanischen Wegs.

Wir werden uns aus diesem Grund in Zukunft noch mehr um das Thema Bildung kümmern, die Ubomi-Kinder auf ihrem schulischen Weg enger begleiten und unterstützen und versuchen, Ausbildungsmöglichkeiten für sie zu schaffen. Da die Schulen gerade erst wieder schrittweise öffnen, haben wir in den letzten Wochen den Unterricht in den Ubomi-Häusern schon verstärkt. Neben Englisch und Mathe stehen nun auch Computerkurse auf dem Plan. Hier geht ein großer Dank an Labdoo, die uns Laptops mit vorinstallierten Lernprogrammen geschenkt haben.

There is no future in the hood? Wir möchten für unsere Ubomi-Kinder ein friedvolles Leben und eine bessere Zukunft. Wir glauben an diese Vision. „It always seems impossible until it’s done“. Dieses Zitat von Nelson Mandela war unser Leitspruch, als wir vor vier Jahren unser erstes Ubomi-Haus geplant und schließlich eröffnet haben. Bitte helft uns weiterhin dabei, unsere Vision umzusetzen und Kindern, die es so unglaublich verdient haben, ein lebenswertes Leben zu ermöglichen.

Biggi Hägemann

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SWIFT-/BIC-Code: SPKHDE2HXXX
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Wir möchten für unsere Ubomi-Kinder ein friedvolles Leben und eine bessere Zukunft. Wir glauben an diese Vision. „It always seems impossible until it’s done“. Dieses Zitat von Nelson Mandela war unser Leitspruch, als wir 2016 unser erstes Ubomi-Haus geplant und schließlich eröffnet haben. Bitte helft uns weiterhin dabei, unsere Vision umzusetzen und Kindern, die es so unglaublich verdient haben, ein lebenswertes Leben zu ermöglichen.

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