Um in den Townships von Kapstadt zu überleben, braucht es vor allem eines: Ubuntu. Ubuntu trägt durch die schweren Momente, macht schöne Augenblicke schöner, spendet Kraft, Zuversicht, auch Perspektive. Ubuntu ist die Basis für das Leben in den Wellblechhütten und auf den Straßen und in den Familien. Und: Ubuntu ist die einzige Chance für uns von Ubomi, etwas zu verändern.

Ubuntu ist – wie Ubomi auch – ein Xhosa-Wort. Auf Deutsch übersetzt bedeutet es Gemeinschaft, kraftvoller noch: Zusammenhalt. Aber es ist mehr als nur ein Begriff in einer Umgebung, in der stets mehr auseinanderzubrechen scheint als nachhaltig zusammenhält: Familien werden zerrissen, Hüten brennen ab und stürzen ein, politische Verhältnisse sind extrem instabil. Aber wer zusammen ist, der findet Halt. Und genau das macht die Gemeinschaft der Menschen untereinander so stark.

Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, das ich hatte, als ich zum ersten Mal im Township Khayelitsha stand. Als Umlungo (Weiße) aus einem reichen westlichen Land war ich fremd und irgendwie deplatziert in einem Umfeld, in dem es an allem mangelt. Und gleichzeitig fühlte ich mich sehr willkommen. Diese Gemeinschaft zwischen den Menschen, die mich empfangen haben, war so lebendig, so herzlich und intensiv. Der Zusammenhalt ist so stark, dass unsere deutschen Worte sie nur schwer beschreiben können. Deswegen sprechen auch wir von Ubomi nur von Ubuntu.

In den Jahren, in denen ich für Ubomi immer wieder vor Ort bin, habe ich Ubuntu in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Varianten erlebt: In Familien, in Projekten, in ganzen Bezirken und Nachbarschaftsgemeinschaften gibt es einen unerschütterlichen Zusammenhalt. Aber nicht alle Menschen finden darin auch ein Zuhause. Und vor allem Kinder, die – meist aufgrund schlimmer Schicksalsschläge – aus diesen Gemeinschaften fallen, gehen verloren. Sie werden nicht mehr versorgt oder sie suchen sich neuen Halt – nicht selten bei kriminellen Vereinigungen oder in schlechten Abhängigkeitsverhältnissen.

Genau für diese Kinder möchten wir da sein. Mit unseren Ubomi-Häusern geben wir mehr als hundert Kindern und Jugendlichen einen Raum, in dem Ubuntu gelebt wird, in dem Zusammenhalt wächst und aus Gemeinschaft Perspektive entsteht. Durch die Förderung individueller Interessen und Stärken, gegenseitige Wertschätzung und Annahme. Und durch Gemeinschaftserlebnisse, die ihnen Halt geben und eine Zugehörigkeit herstellen.

Wir wussten, dass wir damit vor Ort wirklich etwas zum Positiven verändern können. Was uns nicht bewusst war, ist, dass Ubomi über 9.000 Kilometer entfernt, quasi auf der anderen Seite der Welt, an verschiedensten Orten in Deutschland auch ganz neue Gemeinschaften schafft. Einen Zusammenhalt für den guten Zweck.

Stand-up: Über die Nordsee paddeln für die Townships in Kapstadt

Denn Ubomi lebt nicht nur von dem Gründerteam und den Menschen vor Ort in Khayelitsha, die vernachlässigten und verwaisten Kindern aus der Nachbarschaft täglich warme Mahlzeiten und einen Zufluchtsort ermöglichen. Sondern auch von jenen in der Ferne, die das unterstützen – finanziell, durch ehrenamtliches Engagement oder die Teilnahme an Aktionen.

Ubomi ist auch für viele Menschen hier in Deutschland ein Ort geworden, an dem Gemeinschaft gelebt wird. Denn wo auch immer Menschen zusammen kommen, um unseren Verein zu unterstützen, entstehen meist richtig gute Aktionen. Ob Flohmärkte oder Familienfeste, Benefizkonzerte, Spendenläufe oder Stand-Up-Paddle-Events. Sehr viele dieser Aktionen werden von unserem Hauptpartner, den Jugendherbergen im Nordwesten, unterstützt, deren Markenkern „Gemeinschaft erleben“ unser „Ubuntu“ spiegeln.

Gutes tun ist zu einem gemeinschaftlichen Handeln geworden, das uns und vielen richtig Spaß macht! Erst vor wenigen Wochen sind sechtig Freunde der Ubomi-Familie auf Mega-SUPs von Neuharlingersiel nach Wangerooge gepaddelt. 16 Kilometer über das Meer – das gab es noch nie! Kinder und Erwachsene aus verschiedenen Ländern pumpten 1.600 Liter Luft in die Boards, paddelten drauf los und landeten schließlich wie geplant im Wangerooger Hafen. Was das den Kindern in den Townships gebracht hat? 1.500 Euro Spenden, die für einen ganzen Monat warme Mahlzeiten reichen, jede Menge mediale Aufmerksamkeit – und Lachen und Staunen, als sie sich die Bilder auf dem Smartphone angesehen haben. Denn dass da draußen Menschen sind, die sich für sie stark machen, obwohl sie die Kinder nicht persönlich kennen – das berührt sie, schenkt ihnen Selbstsicherheit und das Gefühl, nicht alleine zu sein. Und für die Teilnehmer war es ein einzigartiges Event, das am Ende mit einer Paddlerparty mit Livekonzert in der Jugendherberge Wangerooge belohnt wurde.

Zwei Welten nähern sich an:
9.741 Kilometer Laufen für den guten Zweck

Aktiv werden für den guten Zweck – das ist in den vergangenen Jahren immer stärker zur DNA des Vereins geworden. Denn oft haben die Ubomi-Aktionen im wahrsten Sinne einen bewegenden Hintergrund. Besonders sichtbar wird das bei unserer Idee  „Laufen für (und nach) Kapstadt“, an der sehr viele Freiwillige und unsere Ubomi-Kinder teilgenommen haben. Gemeinsam sind wir uns entgegen gelaufen – ein Jahr lang, Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer. Auf  unterschiedlichsten Wegen sind insgesamt mehr als 9.700 Kilometer gesammelt worden: bei Marathon-Läufen, Fußballcamps, Wanderungen, Projektfahrten und mehr. Auch hier gingen die Bilder hin und her, haben die Ubomi-Kinder gesehen, wie sich Gleichaltrige und viele andere Menschen auf den Weg machen, um ihnen zu helfen. In einem Jahr haben alle gemeinsam die Luftlinien-Distanz zwischen Bremen und Kapstadt zurückgelegt, aber was viel entscheidender ist: Sie haben Distanz überbrückt zwischen zwei Welten und sind sich so – wenn auch nur virtuell und emotional – näher gekommen.

Die letzten Meter haben wir gemeinsam mit zehn Läufern und jeder Menge Unterstützung beim Köln-Marathon erlaufen. Es war nicht nur ein tolles Gefühl, die Ziellinie zu erreichen und damit die Distanz unserer Laufaktion geschafft zu haben, sondern es hat auch sehr viele Menschen animiert, uns als Laufpaten zu unterstützen. Das gespendete Geld hilft uns, die Lebensrealität vieler Kinder in den Townships erheblich zu verbessern – eine Realität, vor der sie nicht weglaufen können. Umso wichtiger, dass wir hier gemeinsam etwas bewegen!

Das Xhosa-Wort Ubomi bedeutet Leben.
Ubomi lebt vom Engagement jedes Einzelnen!

Das ist das, was mich an Ubomi am meisten überrascht und berührt: die unfassbare Unterstützung so vieler Menschen!. Mit einem Zitat von Nelson Mandela „It always seems impossible until it`s done“ haben wir uns vor drei Jahren selbst Mut gemacht und meinten damit die Realisierung eines Hauses für Straßenkinder im Brennpunkt des Townships Khayelitsha. Dass wir nun schon drei Häuser haben, in denen Kinder die Chance auf „Ubomi“ – ein Leben – haben, habe ich nicht für möglich gehalten. Ich habe auch nicht erwartet, wie viel ich durch das Projekt zurückerhalte, nicht nur durch unsere Kinder mit ihrer unfassbaren Lebensfreude, sondern auch durch das „Ubuntu“ in meiner unmittelbaren Umgebung.

Das Engagement aller Beteiligten aufzuzählen, ist gar nicht mehr möglich. Wir möchten allen, die Ubomi unterstützen und mit leben, von ganzem Herzen danken. Das ist nicht selbstverständlich und für uns immer wieder motivierend und bewegend. Ubomi lebt und macht Leben möglich. Und das liegt vor allem an der starken Gemeinschaft, am „Ubuntu“.

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