Ein bedeutsames Wort und ein Ausrufezeichen hinter Ubomi



Seit mehr als zwei Jahren sind wir nun mit unserem Projekt in den Townships von Kapstadt – und ein Xhosa-Wort ist mittlerweile im täglichen Sprachgebrauch von uns allen angekommen: „gogo“. Wie viele Wörter in dieser südafrikanischen Stammessprache hat auch „gogo“ mehrere Bedeutungen. Umgekehrt gibt es häufig für eine Bedeutung viele Wörter. So ist zum Beispiel „Ubomi“ nur eines von vielen Wörtern, die sich mit „Leben“ übersetzen lassen. Jedes Wort hat dabei eine ganz eigene Facette. „Ubomi“ ist ein sehr positives, hoffnungsfrohes Wort für Leben und immer mehr merken wir, wie sehr dieses Wort zu unserem Projekt passt. Je tiefer wir in die Strukturen und besondere Lebensweise des Townships eintauchen, umso mehr spüren wir, dass unser Projekt „Ubomi“ hier für die Menschen den worteigenen Sinn bekommt.

„Gogo“: ein „guter Freund“

Wie überlebenswichtig und nicht mehr wegzudenken unsere Projekt-Häuser inzwischen sind, versuche ich einmal zu erklären. Dafür geht es zurück zum Anfang, zurück zum Wort „gogo“. Eine Bedeutung ist in etwa „guter Freund“. In dieser Form verwenden wir den Begriff immer häufiger. Viele Menschen sind uns inzwischen einfach sehr ans Herz gewachsen und zu „gogos“ geworden – und wir umgekehrt auch. Wir sind nicht mehr nur die „umlungos“, wie noch zu Beginn.
Wenn mir jemand im Township überrascht „umlungo“ (Weiße) zuruft, ist es mir sogar schon passiert, dass ich mich umgedreht habe, weil ich mich nicht angesprochen fühlte. Wir sind längst keine Fremden mehr und auch unser Projekt hat sich schon weit herumgesprochen. Umso kälter erwischten uns Vorfälle, von denen ich berichten möchte, weil sie einen entscheidenden Aspekt dafür beleuchten, dass Ubomi für die Kinder hier so wichtig ist.

„Gogo“: „Wusste ich’s doch!“

In diesem Kontext spielt das Wort „gogo“ ebenfalls eine Rolle. „Hab ich’s doch gesagt“ oder „Wusste ich’s doch!“ ist eine weitere Bedeutung. Wer kennt es nicht? Oft glaubt man an das Gute, verdrängt mögliche Gefahren oder Probleme. Wir wissen natürlich immer, dass wir mit unserem Projekt in den Brennpunkten der Townships sind. Unser Ziel ist es, diejenigen zu unterstützen, die es am Dringendsten benötigen. Das sind die Kinder, die aus verschiedenen Gründen ihr Leben auf der Straße in den „lost areas“ der Townships verbringen. Wir wissen, was das für unsere Kinder bedeutet und uns ist bewusst, dass wir neben all den schönen Erlebnissen mit unseren Kindern jederzeit Dinge erleben können – und bereits erlebt haben –, die uns oft sehr mitnehmen. Hunger, Wasserarmut, ein harter Lebensalltag, Krankheiten, Drogen und Kriminalität gehören zum Alltag im Township. So mussten wir in den letzten Monaten leider auch Erfahrungen mit Skolis machen – jungen Kleinkriminellen, die gerade aus dem Gefängnis gekommen sind. Orientierungslos und ohne Verstand versuchten sie, die Site C, den Brennpunkt, an dem unser erstes Haus steht, zu ihrer Area zu machen. Und so erlebten wir leider im Beisein unserer Ubomi-Kinder gleich zwei Überfälle mit Waffengewalt.

Ein fantastisches Camp-Wochenende – und vorher ein Überfall

Natürlich passen wir immer auf, was wir bei uns haben, wenn wir uns im Township bewegen. Umso tragischer war für uns der folgende Vorfall: Wir hatten erstmalig ein Camp-Wochenende mit all unseren Kindern geplant. Schon Wochen vorher waren unsere Kinder, die zum Großteil noch nie in ihrem Leben das Township verlassen hatten, unglaublich aufgeregt. Auch für uns war es unglaublich schön, dieses Wochenende voller Vorfreude zu planen. Die Vorbereitung für einen Ausflug mit Kindern, für die alles Geplante zum ersten Mal stattfinden wird, ist allerdings sehr intensiv.

So kam es, dass aus organisatorischen Gründen das Fleisch schon im Kofferraum im Auto lag, als Tommy die Kinder sicher in den Bus setzen wollte. Vielleicht war es ein „Set-Up“, eine geplante und bewusste Aktion. Vielleicht hatten die Skolis auch nur Glück, als sie an diesem Tag mit unserem kompletten Fleischvorrat für das ganze Camp-Wochenende „fette Beute“ machten. „Hey Mann, wir haben auch nur Hunger!“, war die Erklärung der Skolis. Das entschuldigt natürlich auf keinen Fall, was vor allen Dingen Tommy und unsere Kinder, die alles mit ansehen mussten, in den Minuten der Angst durchleiden mussten. Aus diesem Grund war es uns umso wichtiger, dass der Ausflug ins Camp zu einem unvergesslichen Erlebnis wird, der diesen traumatischen Überfall in den Schatten stellt. Das Wochenende war für uns alle sehr besonders und der Überfall mal wieder nur Benzin auf den Motor. „Gogo“: jetzt erst recht, ich sag es dir doch“. Es zeigt uns einfach, wie wichtig unsere Arbeit im Township ist. Den Kreislauf von Armut und Kriminalität zu durchbrechen ist nur möglich, wenn den Kindern Alternativen geboten werden, die ihnen helfen, sich zu entwickeln, so dass sie mit dem nötigen Respekt vor anderen ein menschenwürdiges Leben führen können.

Die Zerreißprobe für Ubomi …

Leider blieb es in der Site C nicht bei dem einen Überfall. Es ist schwer zu erklären, was diese Veränderung herbeigeführt hat und schwer zu begreifen, dass die Skolis sogar das „Ubunto“ („Gemeinsam sind wir stark“) der Community kurzzeitig auf den Prüfstand stellten. Die Situation verschärfte sich dermaßen, dass wir sogar gewarnt wurden, die Site C überhaupt noch zu betreten. Auch die zuständige Polizei der Site B – in der Site C gibt es schon lange keine mehr – konnte uns nicht helfen. Für sie sei die Site C eine „lost area“. Nur in dieser „verlorenen Gegend“ sind ja auch gerade die Kinder, die uns am dringendsten brauchen! Zum ersten Mal in den letzten zwei Jahren spürten wir ein unglaubliches Gefühl der hilflosen Wut. Und auch wenn das sehr schmerzhaft für uns war, mussten wir das Haus zunächst schließen, da wir uns und unsere Kinder nicht in Gefahr bringen wollen. Das war mit Abstand unsere schwerste Entscheidung!

… und ein neuer Start!

Dieser hilflose Entschluss sollte sich in der Folge als kleiner Durchbruch herausstellen, der uns und Ubomi weit voran gebracht hat. Unser Haus war für die Community, vor allen aber für unsere Kinder und deren Eltern nicht mehr wegzudenken. Es entstand eine unglaubliche Dynamik – ein „Ubunto“, ein Zusammenhalt, wie auch wir ihn vorher noch nie erlebt haben. Gemeinsam kämpften nun alle für den Erhalt und die Sicherheit des Ubomi-Hauses in der Site C. Es würde diesen Beitrag überstrapazieren, alle Details und Maßnahmen, zum Beispiel die „Eltern-Security“, zu benennen und zu erklären. Der wichtigste und entscheidende Punkt ist, dass Ubomi wieder ein sicherer Ort ist, eine Insel der Geborgenheit für unsere Kinder. Nicht weniger bedeutsam für uns ist die nachhaltige Veränderung in der Community, die es sich zum Ziel gemacht hat, durch Ubomi eine hoffnungsfrohe Perspektive auf das Leben zu schaffen.
In der Zwischenzeit haben wir sogar noch ein drittes Haus eröffnet. Diese Entscheidung haben diesmal nicht wir getroffen, sondern sie traf uns. In unserer Betroffenheit kam es uns richtig vor, nicht ein Haus zu schließen, ohne ein neues zu eröffnen.

April 2019: Drei Ubomis für über hundert Kinder

Nun haben wir drei Häuser und über hundert Kinder. Die Ereignisse der letzten Monate haben uns noch näher zusammengebracht und uns gezeigt, wie wichtig und nötig unsere Ubomi-Häuser in den Brennpunkten der Townships sind. Schon als wir Ubomi gestartet haben, war für uns immer klar, dass wir Ubomi im Township für die Menschen vor Ort und vor allen Dingen aber auch immer mit den Menschen im Township realisieren und voranbringen wollen. Wir wissen, dass wir es gemeinsam schaffen. Gogo!

 

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