Auf einmal ist sie da. Die Nachricht, vor der wir uns als Verein die vergangenen Wochen gefürchtet haben; die Gewissheit, dass jetzt alles nur noch schlimmer werden kann: Khayelitsha, unser Township in Südafrika, meldet den ersten Corona-Infizierten. Eben haben wir noch überlegt, wie wir unseren Kindern das Händewaschen beibringen – jetzt, nur ganz kurze Zeit später, geht es um Themen des Überlebens. In diesem Beitrag möchte ich euch erzählen, was das vor Ort bedeutet und den Fokus darauf lenken, was wir gemeinsam tun können, um jetzt all jenen zu helfen, die unsere Hilfe dringender brauchen denn je.

Gemeinschaft, Zusammenhalt, Menschlichkeit. Werte, die in unserer westlichen Gesellschaft in diesen Zeiten wieder so sichtbar scheinen wie lange nicht mehr, die Mut machen und Hoffnung spenden. In den südafrikanischen Townships prägen diese Werte gewöhnlich das Straßenbild, den Alltag, das Überleben. „Ubuntu“ nennen sie diese Lebensphilosophie, es ist das Xhosa-Wort für Gemeinschaft, stärker noch: für Zusammenhalt.

Man spürt diesen Zusammenhalt überall, beim Betreten der Townships prägt er den ersten Eindruck, und beim Verlassen ist er das, was am längsten im Gedächtnis und im Herzen bleibt. Weil er sichtbar wird in diesem herzlichen Miteinander zwischen den Wellblechhütten. Doch aktuell ist das Bild geprägt vom Militär, das patrouilliert. Die Brennpunkte, in denen wir mit Ubomi aktiv sind, werden schon immer als „lost areas“ bezeichnet. Nun ist ganz Khayelitsha abgeriegelt und scheint noch mehr von der Welt abgetrennt und sich selbst überlassen, als es bisher schon der Fall war.

Eine unvorstellbare Dimension von Armut entwickelt sich

Gerade einmal sechs Wochen ist es her, dass ich bei unseren Kindern in Kapstadt im Township war. In den zwei Monaten vor Ort habe ich viel Schönes mit den Kindern erlebt; aber auch wieder viele heftige Dinge gesehen und gehört, oft begleitet von dem Gedanken, dass es wohl kein schlimmeres Leid geben kann. Heute fürchte ich, dass es noch härter kommen wird. Ich bin sehr besorgt, dass die Armut eine Dimension erreicht, die ich mir nicht mehr vorstellen kann und die für Viele lebensbedrohlich wird.

Südafrika: Epizentrum des Corona-Virus in Afrika

Ausgangssperren, Lieferengpässe, Arbeitslosigkeit: Schon jetzt hat sich die Armut aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung von Covid-19 in den südafrikanischen Townships verstärkt. Mir zerreißt es das Herz, wenn ich mir vorstelle, wie unglaublich unsere Kinder und all die Menschen in den Townships schon leiden müssen – und noch leiden werden.

Präsident Cyril Ramaphosa hat den Katastrophenfall ausgerufen: Seit dem 25. März gilt eine landesweite Ausgangssperre. In dem Land mit 58 Millionen Einwohnern ist die Zahl der Covid-19-Fälle auf über 1200 Fälle gestiegen (Stand 31.03.). Die Mittel für umfangreiche Tests  stehen nicht zur Verfügung und die wenigsten Menschen können sich einen Arztbesuch leisten. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein. Sieht man sich die Dynamik in allen Ländern an, in denen die Pandemie schon länger Einzug gehalten hat, lässt sich eine Entwicklung leicht ableiten. Experten fürchten, dass der Erreger in offiziell noch nicht betroffenen Gebieten still zirkuliert. Es droht ein unkontrollierbarer Corona-Ausbruch mit sehr hohen Infektionszahlen: Erst vor Kurzem präsentierte das „South African Center for Epidemiological Modelling and Analysis“ Hochrechnungen, die besagen, dass 87.900 bis 351.000 Menschen allein in Südafrika sterben könnten (Stand 24.3.).

Der erste Corona-Infizierte wurde nun in Khayelitsha gemeldet, und die Sorge ist groß, dass sich das Virus unbemerkt und unkontrolliert im Township ausbreitet und die Menschen ihm hilflos ausgeliefert sind.

Auch unsere Kinder gehören zur Risikogruppe

Die Gefahr ist riesig, dass sich das Virus in unseren dicht besiedelten Townships sehr schnell ausbreitet und durch den hohen Anteil HIV- und Tuberkulose-Kranker viele Todesopfer fordert. Allein bei uns in Khayelitsha gibt es jedes Jahr 6000 neue Fälle von Tuberkulose, ein Drittel der Betroffenen stirbt daran. Zudem leben in Südafrika weltweit die meisten HIV-infizierten Menschen, ungefähr 7,7 Millionen. Hier trifft eine sehr große Anzahl immunschwacher Menschen auf einen Virus, dem sie hilflos ausgeliefert sind. Das betrifft leider auch vieler unserer Kinder.

Maßnahmen zur Eindämmung scheinen unmöglich

Die Umstände im Township machen einen unkontrollierten Ausbruch von Covid-19 einfach: Die Menschen leben hier dicht gedrängt in Armut. Gewalt und Krankheit beherrschen heute schon den Alltag Vieler. Meist teilen sich bis zu fünfzehn Familien eine Toilette und einen Wasserhahn außerhalb ihrer Hütten. Ausreichende Hygiene ist auch ohne einen Virus längst ein Riesenproblem; die hygienischen Bedingungen sind nicht mit westlichen Standards vergleichbar, Hygieneartikel sind Mangelware oder erst gar nicht vorhanden.  Isolation in engen Hütten, in denen sich viele Menschen wenige Quadratmeter teilen, ist praktisch nicht möglich. Vorübergehende Isolation mag in westlichen Ländern sinnvoll sein; in den Townships ist sie eigentlich nicht mit der Lebensrealität vereinbar.

Die Armut wächst und drängt die Ärmsten der Armen an den Rand. Viele Leute haben kaum genug Geld für Lebensmittel, geschweige denn für Seife. Aufgrund der Situation sind die Versorgungsketten schon jetzt zusammengebrochen. Niemand weiß, wann eine Grundversorgung mit Lebensmitteln in den Supermärkten wieder hergestellt ist. Und wo kommt das Geld für die Versorgung dann her?

Von einem Tag auf den nächsten arbeitslos

Die wenigen Eltern bzw. Betreuungspersonen unserer Kinder, die Arbeit haben, sind in der Regel im Servicebereich beschäftigt und haben nun alle ihre Jobs verloren. Die sowieso schon geringen Einkommen (im Schnitt ca. 200€/monatlich), die zur Versorgung ganzer Familien benötigt werden, fallen komplett aus. Es gibt keine arbeitsrechtlichen oder sozialstaatlichen Regelungen, die sie vor einem sofortigen, hundertprozentigen Einkommensverlust bewahren könnten. Es gibt keine Rettungsschirme, keine Not-Milliarden für die Wirtschaft. Es gibt kein System, das Perspektive schafft. Es gibt keine weiche Landung, nur die harte Realität, dass von einem Tag auf den anderen kein Einkommen mehr da ist.

Damit steigt auch das Risiko Opfer oder “Täter” von “Beschaffungskriminalität” zu werden. Dabei geht es um Nahrungsmittel, Medikamente, Hygieneartikel und alle Gegenstände von einem beliebigen Wert größer Null. Die sowieso schon mangelhafte Sicherheitssituation im Township verschlechtert sich sichtbar. Es ist erkennbar, dass die Zahl der hungernden Menschen in den Townships zunimmt. Davon sind Kinder als Erste und am härtesten betroffen

Für unsere Ubomi-Kinder fallen aufgrund der vorübergehenden Schließung die warmen Mahlzeiten komplett weg. Wir versuchen sie auf anderen Wegen zu versorgen. Auf sich alleine gestellt, hätten unsere Kinder schwer zu kämpfen und wir wüssten nicht, welche Wege sie einschlagen würden, um an Essen zu kommen. Mundraub-Diebstähle und Prostitution „älterer Mädchen“ sind oft der letzte Ausweg hungernder Kinder.  Darum müssen wir jetzt handeln!

Was Ubomi tun kann

Wir machen uns seit Wochen Gedanken, wie wir hier helfen können, zumal unsere Ubomi-Häuser vorübergehend geschlossen sind und die Ausgangssperre auch für unsere Mitarbeiter gilt. Sie müssen sich daran halten, auch wenn es ihnen schwerfällt. Denn das Militär bittet nicht freundlich, wieder nach Hause zu gehen. Die fackeln nicht lang, wie wir aus vorherigen Erlebnissen wissen.

Unsere Kinder brauchen uns jetzt mehr denn je. Ein erster Nothilfeplan steht – und das wird nur der Anfang sein. Wir werden unsere Kinder, Familien, Nachbarn, Communitys nicht im Stich lassen und alles tun, was wir können. Und wir bitten Euch als Ubomi-Unterstützer: Wenn es Euch möglich ist, helft uns dabei. Wenn uns Corona eines lehrt, dann, dass wir alle Menschen sind und dass Ubuntu nie wichtiger war. „I am because we are“. Gemeinsam können wir versuchen das Leid dieser Krise so gering wie möglich zu halten – nicht nur in unserer direkten, sondern auch in unserer globalen Nachbarschaft.

Wie können wir in dieser schwierigen Situation helfen?

Thema Versorgung:

Die Versorgung mit Lebensmitteln stellt uns täglich vor neue Herausforderungen. Da niemand zu uns in die Ubomi-Häuser kommen kann und wir nicht zu den Familien, haben wir uns zunächst auf Einkaufsgutscheine verständigt. Familien bekommen damit in den Township-Supermärkten unseres Vertrauens Grundlebensmittel ausgehändigt, die wir vorher aufgelistet und festgelegt haben. Das funktioniert natürlich nur, wenn diese Lebensmittel auch vorhanden sind. Des Weiteren ist auch die „Suppenküche“ noch immer eine Idee und es zeichnet sich ab, dass wir hier mit unseren Häusern auch eine Genehmigung bekommen, beziehungsweise uns mit einer Schule zusammentun können. Hierfür arbeiten wir noch an einer Absicherung, damit es nicht zu ungewollten Massenansammlungen, Ausschreitungen oder Überfällen kommt. Wir arbeiten mit Hochdruck an Lösungen, die der Lage entsprechend angepasst werden müssen. Die gleichen Gedanken machen wir uns um die medizinische Versorgung und sind hierzu im Gespräch mit Ärzten.

Thema Lebensmut:

Unsere Kinder waren ihr Leben lang hauptsächlich auf der Straße, bevor sie ins Ubomi-Haus gekommen sind. Viele Kinder im Township haben, wenn sie ein Zuhause haben, oft unter schlimmen Umständen zu leiden. Wir fürchten, das sich die Situation in der kommenden Zeit massiv verschärfen wird. Aus diesem Grund wollen wir nicht nur unseren Ubomi-Kindern, sondern allen Kindern im Township Mut machen und ihnen etwas bieten, was sie ablenkt und worauf sie sich freuen. Hierzu verhandeln wir gerade mit einem lokalem Fernsehsender über eine Sendezeit für Ubomi mit Themen wie  zum Beispiel: „Lifeskill“ und „Dance for all“. Natürlich haben nicht alle einen Fernseher, dennoch ist das der einzige Weg, möglichst viele Kinder im Township zu erreichen, die gerade jetzt ein bisschen Zuspruch und Ablenkung brauchen.

Sobald es uns möglich ist, werden wir natürlich auch wieder unsere Ubomi-Häuser aufmachen. Es lässt sich erkennen, dass die Armut wächst. Die Anzahl der Kinder, die wir bei Ubomi aufnehmen müssen, weil wir es nicht übers Herz bringen, die Ärmsten der Armen abzuweisen, wird steigen. Mit Blick in die Zukunft und insbesondere zur Umsetzung des Notfallplans, freuen wir uns über jede finanzielle Unterstützung. Jeder noch so kleine Beitrag wird unseren Kindern und Familien durch eine sehr leidvolle Zeit helfen. Wir brauchen Euch jetzt. Bitte unterstützt uns. Jeder Euro zählt.

Biggi Hägemann

Spendenkonto:
Ubomi e.V.
IBAN: DE95 2505 0180 0910 3547 40.
SWIFT-/BIC-Code: SPKHDE2HXXX
Kreditinstitut: Sparkasse Hannover

 

Schreibe einen Kommentar